Die Lage und Integration von Einwanderern in Deutschland

DEUTSCHER BERICHT

Integrationsprobleme türkischer Einwanderer in Deutschland

Fast ein Drittel der deutschen Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund. Die größte Gruppe der Zuwanderer stellen die Türken, sie sind in den Sechziger Jahren zu Tausenden als Gastarbeiter angeworben worden. Die sogenannten Gastarbeiter haben harte und meist schlecht bezahlte Arbeit verrichtet und so entscheidend zum deutschen Wirtschaftswunder beigetragen. Obwohl vorgesehen war, dass die Gastarbeiter nach einigen Jahren in ihre Herkunftsländer zurückkehren, trat das Gegenteil ein: in den 70er und 80er Jahren kamen ihre Familien nach und ließen sich dauerhaft in Deutschland nieder.

Die deutsche Regierung versäumte jahrezentelang, sich um die Integration der türkischen Bürger zu bemühen. Probleme wurden immer sichtbarer: die Türken der ersten Generation hatten zum Teil kaum Deutschkenntnisse und ihre Kinder schnitten in der Schule deutlich schlechter als deutsche Schüler ab. Als nach der Wiedervereinigung die Arbeitslosigkeit in Deutschland rapide stieg, waren die türkischen Einwandererfamilien davon sehr viel stärker betroffen als die Deutschen. Viele der Familien, die sowieso wenig verdient hatten, wurden nun abhängig von staatlichen Sozialleistungen. Mit der wachsenden Armut verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Einwanderer - sie waren gezwungen, billige Wohnungen zu nehmen und gerieten dadurch oft in Bezirke, wo sie fast ausschließlich unter Ausländern lebten.

Anfang der Neunziger Jahre nahm zudem der Rechtsextremismus innerhalb der deutschen Bevölkerung stark zu und es kam zu lebensgefährlichen Übergriffen auf Ausländer. Die Einwanderer sahen sich mit dem Vorurteil konfrontiert, dass sie der Grund für die hohe Arbeitslosigkeit und die stagnierende Wirtschaft seien. Viele türkische Familien zogen sich daraufhin umso tiefer in ihr türkisches oder islamisches Umfeld zurück. 

Am Beginn des neuen Jahrtausends initiierte die SPD-GRÜNEN-Regierung einen Prozess des Umdenkens in Bezug auf Einwanderung. Aus einer langen und emotionalen Debatte resultierten folgende politische Erkenntnisse: aufgrund des Geburtenrückgangs braucht Deutschland dringend hoch qualifizierte Einwanderer, doch diejenigen, die bereits in Deutschland leben, sind meist sowohl schlecht integriert, als auch schlecht ausgebildet.

Mit dem Zuwanderungsgesetz wurden 2005 die Weichen für eine aktive und am Arbeitsmarkt orientierte Steuerung der Zuwanderung gestellt. Das Zuwanderungsgesetz vereinfacht die bürokratische Struktur durch die Koppelung der Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung. Für Hochqualifizierte, Unternehmer, Wissenschaftler und diejenigen, die bereits eine Anstellung in Deutschland haben, ist die Einbürgerung seitdem leichter geworden. Doch Menschen mit geringer Qualifikation haben kaum noch Chancen auf eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland.

Parallel zu dieser arbeitsmarktpolitischen Neuordnung der Zuwanderung wurden die Bemühungen intensiviert, bereits in Deutschland lebenden Ausländer zu integrieren. Denn noch immer waren viele Einwanderer aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse und schlechter Bildung aus dem deutschen Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Das im Sommer 2006 verabschiedete Gleichbehandlungsgesetz soll vor Diskriminierungen in der Arbeitswelt schützen. Die „Charta der Vielfalt“ appelliert an deutsche Unternehmer, Menschen aus anderen Ländern gleichberechtigt oder bevorzugt einzustellen. Im nationalen Integrationsplan, der im Sommer 2007 vorgestellt wurde, wurden umfangreiche Investitionen in die Ausbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beschlossen. Mit all diesen Gesetzen und Initiativen soll der Tatsache begegnet werden, dass Einwanderer deutlich seltener eine Ausbildung und Anstellung finden, als deutschstämmige Mitbürger.

Ein Grund für die hohe Arbeitslosigkeit unter türkischstämmigen Einwanderern ist ihre oft schlechte Schulbildung. Die PISA-Studie beweist seit Jahren, dass Deutschland trauriger Spitzenreiter in der sozialen Sortierung der Schüler ist – Kinder aus sozial schwachen oder Migrantenfamilien schneiden eklatant schlechter ab als andere Schüler. Ein Grund dafür ist, dass viele Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem fast ausschließlich Türkisch gesprochen wird. In der Schule versagen sie aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse. Die deutsche Regierung investiert daher künftig bereits ab dem Kindergarten in Deutschkurse für Einwanderer. Für den Erhalt einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung ist der Besuch eines umfangreichen Sprach- und Orientierungskurses (Integrationskurs) Pflicht geworden.

Es ist zu hoffen, dass sich die Lebenssituation der Einwanderer in Deutschland in den kommenden Jahren deutlich verbessert. Wenn die Integrationsbemühungen fruchten, werden Einwanderer künftig stärker am deutschen Arbeitsmarkt teilhaben und so die deutsche Gesellschaft aktiv mitgestalten können.

Wer sich als Türke entscheidet, dauerhaft in Deutschland zu leben, trifft auf eine vielseitige und lebendige türkische Infrastruktur. Es gibt türkischsprachige Ärzte, Anwälte, Lehrer, Polizisten, Kindergärten, Cafés und sogar Altenheime. Auf Märkten finden sich alle Zutaten für die türkische Küche, auch türkische Zeitungen und Fernsehsender sind weit verbreitet. Muslime haben die Wahl zwischen kleinen Kulturvereinen und großen Moscheen, sogar nach Geschlechtern getrennte Hamams existieren.

Bei so einer lebendigen türkischen Kultur ist es leicht, an Deutschland „vorbeizuleben“. Doch wer nach Deutschland kommt, sollte sich auch für die deutsche Kultur interessieren, denn sowohl die Deutschen als auch die Türken können von der gegenseitigen Inspiration nur profitieren. Das beweisen die zahlreichen Vorbilder für eine gelungene Integration: zum Beispiel fast 60.000 türkischstämmige Unternehmer, Politiker des deutschen Bundestages wie Cem Özdemir, berühmte Fußballspieler wie Mehmet Scholl und international anerkannte Regisseure wie Fatih Akin. Sie alle verstehen sich als Deutsche, die sich um die Vermittlung der türkischen Kultur in Deutschland bemühen und damit die deutsche Gesellschaft bereichern.